„Na, du nascht aber gern!“
So ein Satz ist schnell dahingesagt. Vielleicht sogar mit einem freundlichen Lächeln. Und wahrscheinlich hat sich der Arzt in diesem Moment nicht einmal besonders viel dabei gedacht.
Aber mal ehrlich: Was soll ein Kind mit so einer Aussage anfangen?
Ich habe im Laufe der Jahre einige Situationen erlebt, bei denen ich mich gefragt habe, warum manche Erwachsene ausgerechnet dann so wenig Fingerspitzengefühl haben, wenn es um Kinder und deren Körper geht. Und gerade beim Arzt finde ich das besonders schwierig. Schließlich geht man ja dorthin, weil man sich eine gute medizinische Betreuung wünscht und darauf vertraut, dass dort Menschen arbeiten, die mit Kindern umgehen können.
Dass dabei auch das Gewicht angesprochen wird, ist völlig in Ordnung. Aber zwischen einer vernünftigen medizinischen Einschätzung und einem blöden Kommentar liegt halt schon noch ein Unterschied.
Wenn du plötzlich das Gefühl hast, dich als Mama rechtfertigen zu müssen
Vielleicht kennst du das auch. Du sitzt mit deinem Kind beim Arzt, alles läuft ganz normal, und plötzlich fällt irgendeine Bemerkung über die Figur oder das Essverhalten. Und obwohl du eigentlich gar nichts falsch gemacht hast, hast du sofort das Bedürfnis, dich zu erklären.
Nein, mein Kind isst nicht den ganzen Tag Süßigkeiten. Ja, wir achten auf eine ausgewogene Ernährung. Natürlich bewegt es sich. Und ja, ich mache mir Gedanken darüber, wie ich mein Kind bestmöglich unterstützen kann.
Warum fängt man eigentlich sofort an, sich zu rechtfertigen?
Ich glaube, weil bei uns Mamas in solchen Momenten gleich mehrere Dinge zusammenkommen. Einerseits diese Wut darüber, dass jemand so unsensibel mit unserem Kind umgeht. Andererseits der Wunsch, es sofort in Schutz zu nehmen. Und irgendwo dazwischen sitzt dieser fiese kleine Gedanke: Habe ich vielleicht doch etwas falsch gemacht?
Das ist ja das Verrückte daran. Eigentlich ärgerst du dich über die Aussage eines anderen Menschen und am Ende stellst du dich selbst infrage.
Und während du innerlich noch damit beschäftigt bist, eine passende Antwort zu finden, sitzt dein Kind neben dir und bekommt das alles mit.
„Hier haben wir ein Kind mit Übergewicht.“
Besonders schwierig finde ich solche Situationen bei den U-Untersuchungen. Solange Kinder noch klein sind, bekommen sie von den ganzen Zahlen, Kurven und medizinischen Begriffen nicht besonders viel mit. Aber irgendwann sind sie eben alt genug, um zu verstehen, worüber da gerade gesprochen wird.
Ich erinnere mich an eine Situation, in der eine Arzthelferin beim Betreten des Untersuchungszimmers ganz selbstverständlich zur Ärztin sagte: „Hier haben wir ein Kind mit Übergewicht.“
Und dann flossen die Tränen.
Ich weiß, dass „Übergewicht“ zunächst einmal ein medizinischer Begriff ist. Aber muss man ein Kind denn so ankündigen? Als wäre das die wichtigste Information über den Menschen, der da gerade auf der Untersuchungsliege sitzt?
Es hätte vermutlich niemandem wehgetan, das Gespräch etwas anders zu beginnen. Oder zumindest kurz darüber nachzudenken, dass da ein Kind sitzt, das jedes einzelne Wort versteht.
Denn genau das wird meiner Meinung nach manchmal vergessen. Für medizinisches Personal ist es vielleicht der zehnte Termin an diesem Vormittag. Für das Kind kann es aber ein Moment sein, der noch lange im Gedächtnis bleibt.
U-Untersuchung, Perzentilenkurve und plötzlich bist du nicht mehr in der Norm
Bei den Vorsorgeuntersuchungen werden Größe und Gewicht erfasst und anhand sogenannter Perzentilenkurven eingeordnet. Das ist auch richtig so. Schließlich sollen Ärztinnen und Ärzte erkennen können, wie sich ein Kind entwickelt und ob möglicherweise gesundheitliche Risiken bestehen.
Nur ist so eine Kurve eben erst einmal eine medizinische Orientierung. Sie sagt nichts darüber aus, was für ein Mensch da vor einem sitzt. Und sie erklärt auch nicht automatisch, warum ein Kind kräftiger ist.
Für Kinder ist diese Unterscheidung aber gar nicht so einfach. Die sehen vielleicht, dass ihr Punkt auf der Kurve außerhalb eines bestimmten Bereichs liegt, hören Begriffe wie „Übergewicht“ oder „nicht im Normbereich“ und ziehen daraus ihre ganz eigenen Schlüsse.
Gerade in einem Alter, in dem Mädchen ohnehin anfangen, sich mit anderen zu vergleichen, kann das ziemlich unangenehm sein.
Und ich frage mich schon, ob man bei solchen Untersuchungen nicht grundsätzlich ein bisschen bewusster darauf achten könnte, wie man mit Kindern über ihren Körper spricht.
Es geht doch nicht darum, medizinische Fakten zu verschweigen. Aber man kann sie auch erklären, ohne dass ein Kind anschließend mit dem Gefühl nach Hause geht, mit ihm würde irgendetwas nicht stimmen.
Und dann kommen die Selbstzweifel
Was mich an solchen Situationen fast noch mehr beschäftigt als die eigentliche Bemerkung, ist das, was sie bei uns Eltern auslösen.
Denn natürlich möchtest du dein Kind beschützen. Du möchtest nicht, dass es sich für seinen Körper schämt oder das Gefühl bekommt, weniger wert zu sein als andere Kinder. Und wenn es dann doch zu so einer Situation kommt, ärgerst du dich nicht nur über den Arzt, sondern irgendwie auch über dich selbst.
Warum habe ich nicht sofort etwas gesagt? Warum habe ich mein Kind nicht besser verteidigt? Hätte ich die Situation verhindern können? Und habe ich vielleicht tatsächlich irgendwo etwas falsch gemacht?
Da ist sie wieder, diese Mischung aus Wut und schlechtem Gewissen.
Ich finde, gerade Mamas kräftiger Kinder stehen ohnehin häufig unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck. Als würde die Figur des Kindes automatisch etwas darüber aussagen, wie gut oder schlecht man seine Aufgabe als Mutter macht.
Dabei ist die Entwicklung des Körpergewichts bei Kindern wesentlich komplexer, als es ein flapsiger Kommentar über Süßigkeiten vermuten lässt.
Und selbst wenn es medizinisch etwas gibt, worüber man sprechen sollte, hilft es doch niemandem, wenn die Eltern sich erst einmal wie auf der Anklagebank fühlen.
Es geht nicht darum, das Gewicht schönzureden
Bevor das jetzt falsch verstanden wird: Ich finde es absolut richtig, dass Kinderärzte die körperliche Entwicklung unserer Kinder im Blick behalten. Wenn es gesundheitliche Auffälligkeiten oder Risiken gibt, möchte ich darüber informiert werden. Und zwar ehrlich und fachlich fundiert.
Ich möchte auch nicht behaupten, dass Übergewicht bei Kindern unproblematisch ist. Das wäre genauso wenig hilfreich wie die pauschale Annahme, dass jedes kräftigere Kind zu viel nascht.
Was ich mir wünsche, ist eigentlich ziemlich simpel: Dass man mit Kindern respektvoll spricht und uns Eltern vernünftig erklärt, was medizinisch relevant ist.
Ohne vorschnelle Unterstellungen. Ohne blöde Sprüche. Und bitte auch ohne diesen unterschwelligen Vorwurf, man hätte als Mama oder Papa offensichtlich nicht richtig aufgepasst.
Das sollte doch machbar sein, ne?
Was macht man eigentlich, wenn der Arzt das eigene Kind beschämt?
In der Body-Positivity-Bubble der Erwachsenen wird ja immer wieder über Bodyshaming durch Ärztinnen und Ärzte gesprochen. Und ich frage mich dann schon, wie man sich als Mama oder Papa in so einer Situation am besten verhält.
Schnappt man sich sein Kind und verlässt die Praxis? Feuert man verbal direkt etwas zurück? Schluckt man die Bemerkung herunter und beschließt, dort nie wieder hinzugehen?
Ich glaube, darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Und ich finde auch nicht, dass wir Eltern in solchen Momenten immer perfekt reagieren müssen.
Manchmal ist man schlagfertig und kann direkt etwas erwidern. Manchmal ist man so überrumpelt, dass einem die passende Antwort erst zwei Stunden später einfällt. Und manchmal möchte man einfach nur, dass dieser blöde Termin endlich vorbei ist.
Natürlich darf man einem Arzt sagen, dass man eine Bemerkung unangebracht findet. Man kann auch ganz sachlich darum bitten, respektvoller mit dem Kind zu sprechen. Und wenn das Vertrauen in eine Praxis dauerhaft weg ist, spricht nichts dagegen, sich eine andere zu suchen. Die medizinische Versorgung sollte dabei natürlich weiterhin gewährleistet sein.
Aber ich glaube, wir sollten uns nicht zu sehr darauf versteifen, was wir in genau diesem einen Moment hätten sagen oder tun müssen.
Denn für mich ist mindestens genauso wichtig, was danach passiert.
Unsere Kinder müssen wissen, dass wir hinter ihnen stehen
Wenn beim Arzt ein blöder Kommentar gefallen ist, dann sollten wir anschließend mit unseren Kindern darüber sprechen. Nicht so tun, als wäre nichts gewesen, aber auch nicht unbedingt ein riesiges Drama daraus machen.
Einfach erklären, dass Menschen manchmal Dinge sagen, die unüberlegt oder unsensibel sind. Dass ein Arzt zwar die gesundheitliche Entwicklung beurteilen kann, aber deshalb nicht das Recht hat, respektlos zu werden. Und vor allem, dass so ein Kommentar überhaupt nichts daran ändert, was für ein großartiger Mensch da vor uns sitzt.
Ich finde, unsere Kinder müssen wissen, dass wir zu 100 Prozent hinter ihnen stehen. Dass sie mit uns über solche Situationen sprechen können und dass sie nicht erst irgendetwas an sich verändern müssen, um richtig zu sein.
Und dabei geht es ja längst nicht nur um die Figur.
Mal ist es die Nase, die jemandem nicht passt. Mal sind es die Haare, die Körpergröße oder die Kleidung. Irgendjemand wird immer etwas finden, worüber er sich auslassen kann. So ist die Welt nun einmal, auch wenn ich mir manchmal wünschen würde, dass manche Menschen einfach öfter den Mund halten.
Wir können unsere Kinder nicht ihr ganzes Leben lang in Watte packen
Natürlich würde ich meinem Kind am liebsten jede blöde Bemerkung ersparen. Welcher Mama geht es nicht so?
Aber das wird nicht funktionieren. Und ich glaube auch nicht, dass es unseren Kindern langfristig hilft, wenn wir versuchen, sie vor jeder unangenehmen Erfahrung abzuschirmen.
Viel wichtiger finde ich, dass sie lernen, mit solchen Situationen umzugehen. Dass sie Selbstbewusstsein entwickeln, sich selbst akzeptieren und irgendwann auch mal sagen können: „Okay, das ist deine Meinung. Muss ich aber nicht zu meiner machen.“
Das heißt natürlich nicht, dass sie sich alles gefallen lassen sollen. Im Gegenteil. Sie dürfen Grenzen setzen, widersprechen und sich Hilfe holen, wenn jemand respektlos mit ihnen umgeht.
Aber sie sollen eben auch verstehen, dass nicht jeder blöde Spruch etwas über sie aussagt. Manchmal sagt er einfach ziemlich viel über den Menschen aus, der ihn gemacht hat.
Und ich glaube, je früher Kinder lernen, ihren eigenen Wert nicht von den Meinungen anderer abhängig zu machen, desto leichter wird ihnen vieles im Leben fallen.
Das ist zumindest das, was ich mir wünsche.
Was das alles mit Proud little cloud zu tun hat
Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil ich mich mit Proud little cloud jeden Tag damit auseinandersetze, wie selbstverständlich oder eben auch nicht selbstverständlich kräftigere Mädchen in unserer Gesellschaft berücksichtigt werden.
Bei uns geht es natürlich in erster Linie um schöne Mode. Um coole Styles, hochwertige Stoffe und Schnitte, die wir speziell für Mädchen entwickeln, die an Bauch, Hüfte oder Oberschenkeln mehr Platz brauchen.
Aber dahinter steckt eben auch meine Überzeugung, dass ein Mädchen nicht ständig das Gefühl bekommen sollte, sein Körper wäre irgendwie falsch.
Schon gar nicht beim Kleidungkaufen. Und genauso wenig beim Arzt.
Wobei mir eines wichtig ist: Kleidung allein macht natürlich noch kein selbstbewusstes Mädchen. Und auch wir Eltern können unseren Kindern nicht einfach Selbstliebe mit auf den Weg geben und davon ausgehen, dass damit alles erledigt ist.
Aber wir können sie darin bestärken. Immer wieder. Gerade dann, wenn andere Menschen mal wieder ziemlich wenig Feingefühl bewiesen haben.
Am Ende zählt für mich vor allem eines
Ich weiß nicht, ob sich der Arzt an seinen Satz „Na, du nascht aber gern“ überhaupt noch erinnert. Vermutlich nicht. Und wahrscheinlich hat auch die Arzthelferin längst vergessen, was sie damals gesagt hat.
Aber solche Situationen können bei Kindern und Eltern eben hängen bleiben.
Deshalb wünsche ich mir von Ärztinnen und Ärzten ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl. Nicht weniger Ehrlichkeit, nicht weniger medizinische Sorgfalt. Einfach einen respektvollen Umgang mit den Kindern, die da vor ihnen sitzen.
Und uns Eltern wünsche ich, dass wir uns nach solchen Erlebnissen nicht auch noch selbst zerfleischen, weil wir vielleicht nicht die perfekte Reaktion parat hatten.
Viel wichtiger ist doch, dass unsere Kinder wissen: Egal, was irgendjemand über ihre Figur, ihre Nase oder ihre Haare sagt – zu Hause müssen sie sich nicht rechtfertigen. Da werden sie geliebt, unterstützt und ernst genommen.
Denn wir werden nicht verhindern können, dass unsere Kinder irgendwann unsensiblen Menschen begegnen. Aber wir können ihnen helfen, so viel Selbstvertrauen aufzubauen, dass nicht jeder blöde Kommentar gleich an ihrem Selbstwertgefühl kratzt.
Und das ist doch schon eine ganze Menge.
Mich würde wirklich interessieren, wie du das siehst. Hast du beim Kinderarzt auch schon solche Erfahrungen gemacht? Und wie hast du reagiert? Hast du direkt etwas gesagt oder kam dir die passende Antwort erst hinterher?
Viele liebe Grüße
Martina von Proud little cloud☁💕
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